Ein Beitrag von Ausstellungskurator Helmut Rührl.

Alles hat sein Gutes. Wüssten wir genau, wie es war, damals vor mehr als 2000 Jahren, als Jesus in Bethlehem zur Welt gekommen ist, hätten wir uns nicht hier in der Ausstellung versammelt, um anschließend miteinander eine Vielzahl verschiedenster Krippen zu bestaunen.

So hat die knappe Mitteilung des Evangelisten Lukas „und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz war“ wie kein anderes Thema die Künstler aller Stilrichtungen über fast 2000 Jahre beschäftigt.

Ich bin mir sicher, dass es nicht allein Gefühlsduselei oder nur der bloße Brauch ist, sich mit der Krippe und ihren Figuren das notwendige Ambiente für das Fest aller Feste zu schaffen. Die Krippen in ihren vielfältigen Ausgestaltungen stellen das, was vor gut 2000 Jahren in Bethlehm geschehen ist, in den Kontext von verschiedenen geschichtlichen Epochen und von ganz unterschiedlichen Landschaften und vermitteln dadurch, dass das damalige Geschehen für alle Zeit gültig ist, und nicht nur einen regionalen Bezug hat, sondern dass diese Botschaft stets an die Menschen in der ganzen Welt geht:

Dass Gott Mensch geworden ist,

dass Gott sich im Besonderen der Armen und Kleinen angenommen hat,

dass Gott sich nicht heraushält, sondern in das Leben der Menschen tritt.

Die farbigen und vielfältigen Darstellungen in unseren Krippen drücken nichts anderes aus als das, was der Evangelist Johannes in theologisch dichter Sprache formuliert hat:

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“

So ist eine Krippe stets der Versuch einer Vergegenwärtigung des von der Bibel überlieferten Heilsgeschehens Gottes an den Menschen, es ist die bildhafte Darstellung in einer symbolischen Landschaft, eine Erzählung mit Hilfe von Figuren, die Versetzung historischer Ereignisse in die eigene Gegenwart und der Wunsch nach Übersetzung des christlichen Glaubens in eine schaubare Wirklichkeit.

Beim Betrachten der verschiedenen Krippen fällt Ihnen sicher auf, dass sie alle aus einem Raum bestehen, in dem sich die Figuren sinnvoll bewegen, damit sich das heilige Geschehen ereignen kann.

Es muss eine gedrängte, symbolisch verkürzte und dennoch vielfältige Landschaft sein, die verschiedenen Ereignissen nebeneinander den Ort gibt und sie zu einer Bewegung auf den Krippenstall zusammenführt: auf das Zentrum mit der Hl. Familie, mit Ochs und Esel; dahin kommen die Hirten nach der Verkündigung durch den Engel, dahin nahen aber auch die Könige und das Volk und sie stellen dar, was Gott offenbaren wollte. So finden sich in den Krippen Szenen des täglichen Lebens. In den Krippenlandschaften tummeln sich regionsbezogen neben fast allen Berufsgruppen auch Wirtshausgänge, Musiker, Bettler oder auch Apfeldiebe, ein kunterbunter Spiegel einer fast realen Gedankenwelt.

Alle sind unterwegs zur Geburtsstätte des Erlösers.

Und zu ihnen stellt sich auch der krippenschaffende Mensch und letztendlich der Betrachter.

So wie es Paul Gerhardt in seinem 1653 entstandenen wunderschönen Lied trefflich ausgedrückt hat:

„Ich steh an deiner Krippe hier,

O Jesu, der mein Leben,

ich komme, bring und schenke dir,

was du mir hast gegeben“.

Bei jeder Krippe findet sich sehr viel Symbolik und die jeweiligen theologischen Zeitaussagen spiegeln sich in den Krippendarstellungen wieder.

So brachte der sog. Nazarenerstil Ende des 19. Jahrhunderts und die ihm zugrunde liegende Theologie anstatt des Bauernhauses oder Palastes die „Ruine“ in die Krippe, um damit auszudrücken, in einer zusammenbrechenden heidnischen Welt kommt mit der Geburt des Gottessohnes eine neue Welt.

In jeder Krippe finden sie neben Maria und Joseph auch Ochse und Esel. Obwohl sie kein Evangelium erwähnt, sind diese beiden Tiere viel älter als alle anderen Krippenfiguren.

Ochs und Esel beugen sich als Wissende zum Kind. Der Prophet Jesaja sagte 700 Jahre vor der Geburt Christi:

„Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn. Aber Israel kennt es nicht, mein Volk hat keinen Verstand.“

So sind beide Tiere keinesfalls Zeichen des Stalles oder Ausdruck weihnachtlicher Idylle, nicht nur Sinnbilder für das Judentum (Ochse) und das Heidentum (Esel), sie stellen die alten Götter und Welten dar, die am Anfang einer neuen Zeit huldigen, wachen und bewundern.

Spricht die Krippe und ihre Botschaft auch uns heutige Menschen an?

Ich denke Ja, denn sie spricht Situationen des menschlichen Lebens und unserer Welt an, die wir tagtäglich erleben und erfahren:

die Geburt eines Kindes, die Not vieler Menschen und gerade der Kinder, die Heimatlosigkeit vieler Menschen – ob nun existenziell oder seelisch – aber auch die Fürsorge der Eltern, die Bereitschaft zur Solidarität, wie sie die Hirten übten als sie von ihrem Wenigen Geschenke zum Stall brachten.

Dabei ist es hilfreich, nicht nur die „Hauptpersonen“, die hl. Familie etwa zu betrachten, sondern auch die vielen Personen, die im Weihnachtsevangelium auf den „Nebenschauplätzen“ als „Statisten“ bzw. in den „Nebenrollen“ vorkommen: die Menschen auf dem Hirtenfeld von Bethlehem oder jene kleine Gruppe, die da auf den Karawanenwegen des heutigen Iraks aufbricht, getrieben von einer kaum durchschaubaren Mischung von uralter Verheißung, Naivität, großer Sehnsucht und einem bewunderswert zähen guten Willen, denen ein Stern genügt.

Sie stehen für die vielen, die unterwegs sind, für jene, die den Glauben nicht mehr als festen Besitz erleben, sondern durch Wälder von Fragezeichen wandern, wo die Markierungen verblasst sind.

Vielleicht werden Menschen heute durch die Betrachtung von Krippen angeregt, darüber nachzudenken, wer im Mittelpunkt all der ausgestellten Szenen steht:

„ Jesus von Nazareth – als Kind,

Jesus der Christus – der Retter der Welt“

Vielleicht können wir uns ein wenig dem Motto unserer Krippenausstellung anschließen, das da lautet: „Transeamus“

Das bedeutet:

Ob Hirten oder Könige, ob Schwache oder Mächtige –

wer hingeht, den trifft die Liebe.

Getroffen von der Liebe gehen sie wieder –

aber –

einen anderen Weg.