Christmette 2012

Es ist Heilige Nacht, und Sie haben daheim Ihren Heiligen Abend gefeiert. Ich freue mich für Sie, wenn Sie in den letzten Stunden Freude erfahren haben und Gemeinschaft der Liebe; wenn es Ihnen gelang, Ihre Alltagslast ein wenig loszuwerden, um frei zu sein für das gute Miteinander in der Familie oder mit Freunden. Ich bin mit Ihnen dankbar, wenn Sie, selbst noch in Ihrer Einsamkeit oder in der Not Ihres Alters und Krankseins, etwas spüren durften von jener Güte, die im Grunde genommen in jedem Menschenherzen steckt, auch wenn sie zuweilen verschüttet ist oder zu scheu, sich anderen mitzuteilen.

Wir tun uns nicht leicht, um einzutauchen in die Stille dieser Heiligen Nacht; schweigend und staunend zu verweilen im Schein ihres geheimnisvollen Lichtes und uns der Botschaft zu öffnen, die da unser Herz erreichen möchte.

Drei Elemente prägen das Ereignis dieser einzigartigen Nacht und heben sie hinaus über alle anderen Geschehnisse unserer Weltgeschichte:

1. Da ist das aufstrahlende Licht der Herrlichkeit Gottes über den Hirten auf den Feldern von Bethlehem, während sie Nachtwache hielten bei ihrer Herde.

2. Und da erklingt der Lobgesang des Engels, umstrahlt vom Glanz des Herrn, mit dem dieser Gottesbote die frohe Botschaft von der Geburt des Gottessohnes verkündet: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lk 2,10 f). „Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und Friede auf Erde den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14).

3. Und da ist das göttliche Kind in der Krippe zusammen mit seiner Mutter Maria und mit Josef in einer dürftigen armseligen Grotte, weil in der Herberge kein Platz mehr für sie war.

Alle diese Geschehnisse sind uns von Kindheit an vertraut. Und dennoch müssen wir uns jedes Jahr immer wieder anstrengen, die Botschaft, die sie enthalten, neu für unser Leben zu entziffern: dass unsere Welt einen göttlichen Heiland hat, einen Retter und Erlöser der Menschen, der sie aus der Not der Sünde befreit und sie heimholen möchte zum Vater im Himmel.

Dieser Glaube wird umso schwerer, je dunkler die Schatten sind, die uns umgeben. Denn auch das Licht dieser Heiligen Nacht schafft die Schatten des Lebens nicht einfach beiseite. Auch durch den Heiligen Abend wandert Not und Bedrängnis und schwelt Unfriede und Krieg. Auch in die Heilige Nacht hinein wachsen die Konturen von Krankheit und Leid, von Qual und Tod. Noch in ihrer Mitte verschwistern sich Heil und Unheil, Frieden und Hass, Gnade und Grausamkeit.

Jede Nacht ist aber auch die Geburtsstunde des neuen Tages. Erst im Dunkel leuchtet das Licht, das unsere Finsternis erhellt und unsere Ängste von uns nimmt.

Das Licht der Heiligen Nacht von Bethlehem ist hell genug, dass es auch heute noch nach über 2000 Jahren der Welt das Licht der Zuversicht und der Hoffnung entzünden kann. Dieses Licht geht aus vom göttlichen Kind in der Krippe, das Mensch geworden ist durch das Jawort der allerseligsten Jungfrau Maria, um uns seine göttliche Liebe zu schenken, um unserem Leben eine große Zukunft zu eröffnen und ein Ziel, das hineinreicht in die Äonen der Ewigkeit.

So unscheinbar und hilfebedürftig dieses Kind in der Krippe liegt – es ist der einzige Hoffnungsträger, den die Weltgeschichte kennt. Dieser Sohn Gottes teilt unser menschliches Leben mit aller Mühsal und Enttäuschung. Er willigt ein in das bittere und leidvolle Sterben am Ende seines Lebens am Kreuz. In der Nacht des Karfreitags bis zum Ostermorgen wird er die Verheißung der Heiligen Nacht vollständig eingelöst haben. Dort am Kreuz spricht er sein „Es ist vollbracht.“ (Joh 19,30). Dann wird offenbar, dass sein Sieg über Sünde und Tod der Anfang des neuen Lebens ist, eines mit Gott versöhnten Lebens, ein Leben voller Licht und Trost.

Das bekennen wir in dieser Heiligen Nacht und von daher erreicht uns die Freude des Festes der Christgeburt. Vielleicht erscheinen wir dabei nicht wenigen Menschen wie Toren und Illusionisten. Aber wir reihen uns bewusst und gerne ein in die Schar der Hirten, die in jener Nacht von Bethlehem den Satten, den Übermütigen und Zweiflern die Kunde ausrichten: Christus ist geboren; euch ist Heil widerfahren; Gott selbst ist der Partner unseres Lebens geworden; und alles, was uns bedrängt und was uns beglückt, ist ihm nicht fremd; es ist gut bei ihm aufgehoben. Er lebt unseren Tag mit und ist bei uns auch in den dunklen Nächten des Lebens.

Das alles bekennen wir hier im Hohen Dom und vor allen Menschen in dieser Heiligen Nacht. Wir öffnen uns ihrer Freude und bitten für uns selbst, bitten füreinander, dass diese frohe Botschaft alle Menschen seines Wohlgefallens erreiche; dass niemand in seiner Hartherzigkeit und Friedlosigkeit verbleibe und jeder Mensch es erfahre: Auch dir ist der Heiland geboren; er ist der Retter der Welt. Auch du bist in seiner Liebe. „Christ, der Retter ist da!“

Ich wünsche Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, dass Sie aus der Festesfeier der Geburt unseres Herrn Jesus Christus viel Kraft und Mut schöpfen für Ihr Leben und dass Sie es immer beglückend erfahren dürfen: Gott ist da, Gott ist mit uns.

Apostolische Administrator, Bischof Wilhelm Schraml