Liebe Leserinnen und Leser des Passauer Bistumsblattes!

Das Weihnachtsevangelium, das uns in der Feier der Christmette auch in diesem Jahr verkündet werden wird, endet mit den Worten der Engel:

Verherrlicht ist Gott in der Höhe,
und auf Erden ist Friede
bei den Menschen seiner Gnade.
“ (Lk 2,14)

Diese Worte sind uns aus dem Gloria, dem Lobpreis in der Messfeier, vertraut. „Gloria in excelsis Deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis“ – So wird es in der Christmette und an den Weihnachtstagen von so manchem Chor gesungen werden. In diesen wenigen Worten ist das Umfassende der weihnachtlichen Botschaft ausgedrückt; sie eröffnen gleichsam den Kosmos von Weihnachten: „In der Höhe“ oben ist die Herrlichkeit Gottes; hier „auf Erden“ ist „Friede“.

Die „Herrlichkeit“ Gottes beschreibt letztlich seine Heiligkeit und seine Größe: Sie ist Ausdruck dafür, dass Gott als der Schöpfer der ganze Andere ist, der, von dem der Beter des Psalms 8 sagt: „Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.“ (Ps 8,2). Gottes „Herrlichkeit“ ist schier unendlich groß; ebenso groß aber ist der „Friede auf Erden“. Himmel und Erde, Herrlichkeit Gottes und Friede auf Erden sind durch die Geburt des göttlichen Kindes gleichsam harmonisch miteinander verbunden!

Lukas spielt am Beginn seines Evangeliums auf die politischen Verhältnisse an, wie er sie erlebte: Israel war zur Zeit des Lukas von den Römern besetzt und verwaltet; es war eine weitgehend friedliche Zeit ohne langwierige Kriege. Kaiser Augustus beanspruchte für sich, diesen Frieden herbeigeschafft zu haben. Noch mehr: Er ließ sich dafür wie ein Gott verehren!

Lukas hielt dieser politischen Vergötterung des Augustus das Evangelium von Jesus Christus entgegen. Der Evangelist Lukas machte deutlich, dass nicht Kaiser Augustus der eigentliche Herr und Friedensbringer ist, sondern dass über Kaiser Augustus hinaus ein Größerer ist, einer, dessen Herrlichkeit höher reicht und dessen Friede tiefer verwurzelt ist als dies auf bei einen einzelnen Menschen zutrifft. Insofern weist der Evangelist Lukas Kaiser Augustus in seine Schranken: Er relativiert jede politische Ideologie, die den Menschen verherrlicht. Nicht: „Verherrlicht ist der Mensch!“, sondern „Verherrlicht ist Gott in der Höhe!“ Das ist die Botschaft des Lukas.

Die zitierten Worte des Weihnachtsevangeliums lassen eines ganz klar deutlich werden: Gott als Schöpfer unterscheidet sich von uns Menschen als seinen Geschöpfen: Er ist der Töpfer und wir sind der Ton. Wir sind von ihm gewollt und geformt. Das bedeutet: Wir Menschen sind nicht weniger als Gottes Geschöpfe; aber wir sind auch nicht mehr. Schon gar nicht sind wir Gott gleich! Wir sind „Menschen seiner Gnade“.

Dieser Unterschied zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen wird an Weihnachten durch die Menschwerdung Gottes überbrückt: Er wird nicht aufgehoben, sondern in der Geburt Jesu Christi schlägt Gott den Bogen zu uns Menschen. Das bleibt nicht ohne Wirkung! Wir Menschen erfahren diesen Brückenschlag Gottes zu uns Menschen als einen tiefen Frieden!

Dabei will ich Ihr Augenmerk besonders auf zwei kleine Worte lenken, die das Weihnachtsevangelium beschließen: „seiner Gnade“. Lukas schreibt bewusst nicht „auf Erden ist Friede bei den Menschen“, sondern „bei den Menschen seiner Gnade“. Der Unterschied mag gering scheinen, doch die Worte „seiner Gnade“ lassen die Ernsthaftigkeit der Menschwerdung Gottes aufleuchten!

Freilich ist Weihnachten ein Fest, das zutiefst unser Gemüt anspricht; aber es ist auch ein ernstes Fest. Denn der Friede Gottes auf Erden wird Wirklichkeit für diejenigen Menschen, die sich auf die göttliche Gnade einlassen und die glaubend darauf vertrauen, dass Gott ein Mensch geworden ist wie wir alle und uns durch sein Leben, Leiden, Sterben und Aufstehen befreit hat zum ewigen Leben. Der Friede auf Erden ist ein Geschenk – aber nicht ein pauschales Geschenk, sondern eines, das nur dann Wirklichkeit wird, wenn man es annimmt! Mit anderen Worten: Wir Menschen können uns gegen das Geschenk Gottes sperren, wir können uns der Gnade Gottes widersetzen.

In Jesus Christus spricht Gott sein bedingungsloses, unvoreingenommenes Ja zu uns Menschen. Sein Ja bleibt jedoch ohne Wirkung, wenn wir Menschen nicht mit unserem Ja darauf antworten. Wir können schweigen und unsere Antwort vor Gott zurückhalten. Diese Macht und Freiheit sind uns von Gott geschenkt. Das bedeutet aber konkret: Der Friede, den die Engel bei der Geburt Jesu verkündeten, wird nicht automatisch zur Wirklichkeit. Es sind wir „Menschen seiner Gnade“, die diesem „Frieden auf Erden“ zum Leben verhelfen.

Was aber bedeutet es, das Geschenk Gottes, seine Gnade, anzunehmen? Wie schaut das konkret aus? Es bedeutet, die eigenen Maßstäbe des Handelns auszurichten an dem, was die Hl. Schrift und das Lehramt der Kirche offenbaren; es bedeutet, aktiv am kirchlichen Leben teilzunehmen und die Sakramente, die wir Zeichen der Nähe und Liebe Gottes nennen können, mitzufeiern. Dazu gehören insbesondere die Mitfeier der sonntäglichen Eucharistie sowie der Empfang des Bußsakramentes. Schließlich ist auch das persönliche Gebetsleben zu nennen. In all dem leben und bezeugen wir, dass wir das Ja Gottes zu uns Menschen annehmen wollen. Freilich, mitunter bleiben wir hinter diesen Idealen zurück, doch entscheidend ist, sich „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (vgl. Dtn 6,5; Lk 10,27) darum zu mühen.

Bei allem, was an den weihnachtlichen Festtagen das Gemüt anspricht und uns die Weihnachtszeit so innig erleben lässt, so liegt doch darin der Ernst der Heiligen Nacht! Gott wird Mensch, damit wir als seine Geschöpfe und als „Menschen seiner Gnade“ umso tiefer erfahren, zu welcher Hoffnung wir berufen sind und zu was er uns befähigt hat: zum „Frieden auf Erden“.

Davon künden der Heilige Abend und die weihnachtlichen Festtage! Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Ihren Angehörigen eine tiefe, innige Freude über die Geburt Jesu Christi und eine den Glauben bestärkende, friedvolle Feier des Weihnachtsfestes und Gottes Segen im neuen Jahr!

 

Wilhelm Schraml
Bischof von Passau

Weihnachten 2011 im Passauer Bistumsblatt